Ernst Reuter

Während der Blockade Berlins war der bekannteste

Repräsentant der Berliner Politik der legendäre Oberbürgermeister Ernst Reuter, dem es in seinen

berühmten Reden in unnachahmlicher Weise gelang,

die Stimmung der höchst beunruhigten Bevölkerung

prägnant und mitreißenden zu erfassen. 

Wie der sprichwörtliche „Fels in der Brandung“

forderte er die Berlinerinnen und Berliner immer

wieder dazu auf, an ihrem Freiheitswillen festzuhalten

und nicht daran zu zweifeln, dass die Blockade

letztendlich scheitern werde.

 

Am 9. September 1948 hielt Ernst Reuter

auf der Treppe der Ruine des Reichstagsgebäudes

vor über 300.000 Berlinern seine berühmten Rede (s. u.),

in der er an die "Völker der Welt" appellierte,

die Stadt nicht preiszugeben.

 

 

 

Auszug aus der Rede Ernst Reuters

vor dem Reichstagsgebäude

am 9. September 1948

 

"... Wenn heute dieses Volk von Berlin zu Hunderttausenden hier aufsteht,

dann wissen wir, die ganze Welt sieht dieses Berlin.

... Wer diese Stadt, wer dieses Volk von Berlin preisgeben würde, der würde eine Welt preisgeben; noch mehr: er würde sich selber preisgeben, und er würde nicht nur dieses Volk von Berlin preisgeben in den Westsektoren und im Ostsektor Berlins. Nein, wir wissen auch, wenn es nur könnte, stünde heute das Volk von Leipzig, von Halle, von Chemnitz, von Dresden, von all den Städten der Ostzone so wie wir auf ihren Plätzen und würde unserer Stimme lauschen. Und ich weiß es zutiefst - ich denke an meine alte Stadt Magdeburg, die mich zum Reichstagsabgeordneten wählte und deren Oberbürgermeister ich war, ehe Hitler uns in die Konzentrationslager steckte: Dieses Volk würde genau so wie damals zu Zehntausenden zu unseren Fahnen, zu den Fahnen der Freiheit eilen und sich mit uns und den Völkern der Welt zu einem großen, unzerstörbaren Bunde vereinigen.

Wenn wir darum heute in dieser Stunde die Welt rufen, so tun wir es, weil wir wissen, dass die Kraft unseres Volkes der Boden ist, auf dem wir groß geworden sind und größer und stärker werden, bis die Macht der Finsternis zerbrochen und zerschlagen sein wird. Und diesen Tag werden wir an dieser Stelle, vor unserem alten Reichstag mit seiner stolzen Inschrift

„Dem Deutschen Volke", erleben und werden ihn feiern mit dem stolzen Bewusstsein, dass wir ihn in Kümmernissen und Nöten, in Mühsal und Elend, aber mit standhafter Ausdauer herbeigeführt haben. ...

Ihr Völker der Welt,

Ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien!

Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass Ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt!

Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: Gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg über die Macht der Finsternis besiegelt ist.

Das Volk von Berlin hat gesprochen. Wir haben unsere Pflicht getan, und wir werden unsere Pflicht weiter tun. Völker der Welt! Tut auch Ihr eure Pflicht und helft uns in der Zeit, die vor uns steht, nicht nur mit dem Dröhnen eurer Flugzeuge, nicht nur mit den Transportmöglichkeiten, die ihr hierher schafft, sondern mit dem standhaften und unzerstörbaren Einstehen für die gemeinsamen Ideale, die allein unsere Zukunft und die auch allein Eure Zukunft sichern können. Völker der Welt, schaut auf Berlin! Und Volk von Berlin, sei dessen gewiss, diesen Kampf, den wollen, diesen Kampf, den werden wir gewinnen!"

 

 

 

Auszug aus der Rede Ernst Reuters bei der

gemeinsamen Protestkundgebung von SPD, CDU und LDP,

am 26. August 1948

 

" ... Wir unterschätzen unseren Gegner nicht. Vielleicht unterschätzen wir die Kümmerlinge, die vorn, auf der Vorderfront, sich mit uns auseinanderzusetzen haben.

Aber wir unterschätzen nicht die Macht, die hinter diesen Kümmerlingen steht. Wir wissen, dass eine grausame, brutale, rücksichts-lose, aggressive, imperialistische Macht den Willen hat, uns in die Knie zu zwingen, und ich wiederhole:

Wir haben nein gesagt, wir werden wieder nein sagen, und wir werden nein sagen,

solange ein Atemzug in uns lebendig ist.

... Denn nur dann, wenn diese Stadt standhält, kann der Friede der Welt gesichert werden. Wir werden - Stadtverordnetenversammlung und Magistrat dieser Stadt - den Wall bilden, an dem sich die Flut brechen wird. Und mag der Winter noch so schwer und noch so hart werden - einmal wird diese Macht erkennen müssen, dass alles vergeblich war, dass wir härter sind als sie und dass unser waffenloser Wille stärker ist als ihre tyrannische Herrschsucht. Wir wissen, dass in diesem Kampfe, in dem wir alle hier zusammenstehen, dass wir in diesem Kampfe die Sympathie, das Ansehen und den Respekt der ganzen Welt gewonnen haben, und wir werden diesem Ansehen, das wir gewonnen haben, treu bleiben, denn wir wissen:

Die Welt wird uns, die Welt kann uns nicht im Stiche lassen.

... Dieser Kampf geht nur um das eine Ziel - nicht gegen Rußland und nicht gegen das russische Volk, auch nicht gegen unsere slawischen Nachbar-völker, die, wie wir, nach Freiheit lechzen, und wenn das russische Volk seine Meinung frei sagen könnte, es wäre hier bei uns auf diesem Platze.

... Niemals werden wir diesem Kampfe, niemals werden wir dem Auftrage untreu werden, den wir aus unserem eigenen Gewissen bekommen haben, und dem Auftrage, den Sie uns gegeben haben, diese Stadt neu aufzu-bauen und diese Stadt neuen, freien Tagen entgegenzuführen!

Alle sind wir heute hier beisammen, und wir werden noch in manchen Monaten oft in angstvollen Stunden zusammensein müssen. Aber in allen diesen Stunden werden wir Kraft finden, wenn wir uns zu der gemeinsamen Idee bekennen, die in dieser wunderbaren Stadt lebendig geworden ist, zu der Idee, alles zu tun für die Freiheit Und wir rufen das Volk von Berlin, wir rufen die ganze Welt, wir rufen die Kräfte in der Welt, die uns helfen, mit diesem unserem alten, ewig neuen Rufe: Freiheit, Freiheit, Freiheit!"

 

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